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Kirchenspaltung (sonstige Themen)

verfasst von Rubenstein(R), 02.01.2016, 11:44

Hallo cherry,

du leitest dein Posting ein mit den Worten „Mich stört schon mal“ – also sprichst du von deinen Gefühlen. Aus persönlichen Gefühlen kann man aber keine Religion entwickeln. Unsere Religion ruht auf zwei Säulen: Glaube und Vernunft. Deshalb leitete Papst Johannes Paul II seine sehr lesenswerte Enzyklika „Fides et Ratio“ auch mit den Worten ein: „Glaube und Vernunft (Fides et ratio) sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt.“

Versetz dich doch kurz mal in die Zeit des Urchristentums. Da gab es nur die mündliche Überlieferung von einigen Augen- und Ohrenzeugen. Erst später wurden die Evangelien geschrieben. Ob es genau achtzig waren, weiß ich zwar nicht, aber es waren auf jeden Fall mehrere. Wenn es zwischen den Urtexten Widersprüche gab, führten diese in der Urkirche natürlich zur Verunsicherung der Gläubigen. Was macht die Urkirche dann? Sie lässt ihre Weisen und Ältesten, denen durch Handauflegung (apostolische Sukzession) die Priesterweihe erteilt worden ist, beratschlagen, damit sie im Heiligen Geist erkennen, was von Gott kommt und was nicht.

Und was diese Ältesten und Weisen als zu glauben anordnen, ist dann auch zu glauben, auch wenn es der persönliche Verstand nicht fassen kann. Denn in der Kirche gilt der Grundsatz: „Ut omnes unum sint“ – dass wir alle eins sind.

Was nicht von Gott kommt, nennt man Gnosis – sie wurde zu allen Zeiten von der Kirche aufs Schärfste verurteilt. Was hingegen von Gott kommt, ist das, was uns heute als Altes und Neues Testament vorliegt.

Aber auch dieser reine Text hat natürlich seine Tücken. Jeder Mensch erfasst den Text in Abhängigkeit von seinen persönlichen Geistesgaben natürlich anders. Deshalb muss der Text interpretiert werden. Die Interpretation ist die Aufgabe der Gemeinschaft der Bischöfe mit dem jeweils obersten Bischof, dem Bischof von Rom, an der Spitze. Dieser oberste Bischof hat das päpstliche Lehramt inne.

Wenn also ein Häretiker behauptet: „Sola scriptura“ – nur die (heilige) Schrift zählt, dann spaltet er die Kirche, weil ja jeder Gläubige entsprechend seinen persönlichen Geistesgaben die Heilige Schrift anders auffasst und demzufolge auslegt. Ohne päpstliches Lehramt kann die Einheit der Kirche also nicht gewahrt bleiben.

Der Weg von den christlichen Urgemeinden zu der einen Weltkirche ist also ein logischer Schritt. Würden wir zu der von dir „gefühlten“ Urkirche zurückkehren, wären mit Sicherheit sofort wieder Chaos und Streit über die richtige Auslegung angesagt mit der Folge, dass diese „Urchristen“ gar keine andere Wahl hätten, als wieder (wie vor zweitausend Jahren) erste Schritte in die Richtung einer funktionierenden Organisationsstruktur zu unternehmen. Schließlich geht es um die Einheit der Christen.

Gruß,
R.


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