Steckt der Vatikan hinter der Regierungskrise in Italien? (sonstige Themen)
Hallo Johannes,
ja, könnte man so verstehen – aber nur, wenn man nicht weiß, dass das Brechen des Beichtgeheimnisses zur sofortigen Exkommunikation des Beichtvaters führt. Kein katholischer Priester wird also das Beichtgeheimnis freiwillig brechen.
Aber es gibt natürlich informelle Begegnungen, die AUSSERHALB des Beichtstuhls stattfinden, und die unterliegen selbstverständlich nicht dem Beichtgeheimnis. Da diese Begegnungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in derselben katholischen „Großfamilie“ stattfinden, hat der jeweilige Heilige Vater natürlich immer ein sehr genaues Bild über die jeweilige italienische Realität.
Natürlich kann der Heilige Stuhl dem jeweiligen italienischen Ministerpräsidenten im Einzelfall nicht vorschreiben, was der zu tun oder zu lassen hat. Das tut der Vatikan nicht, und das will er auch nicht, da er natürlich genau weiß, zu welchen Behinderungen eine Verstrickung von Religion und Politik führen kann. Aber er sucht natürlich regelmäßig das brüderliche Gespräch mit den politischen Entscheidungsträgern. Und das wird dann auch mit sehr viel Liebe und Sanftmut geführt, so dass es beim politischen Entscheidungsträger auch ankommt. Und bisher ist noch jeder potentielle Abweichler aus einem solch liebevollen Gespräch mit einem römisch-katholischen Würdenträger geläutert hervorgegangen.
Heikel wird es für einen Politiker nur dann, wenn er die Sprache des Heiligen Stuhls nicht versteht, vielleicht weil er zu dumm ist oder aus einer völlig andersgearteten Kultur kommt, und wenn er zusätzlich zur schweren Sünde neigt. Dann knöpft sich der Heilige Vater diesen Politiker auch schon mal persönlich vor. Diese Art der etwas deutlicheren Zuwendung ist uns noch allen in guter Erinnerung, als Papst Johannes Paul II. im Februar und März 2003 den amerikanischen Präsidenten vom Irakkrieg abbringen wollte. Das hat zwar – wie wir alle wissen – nicht funktioniert, aber an den Folgen dieses Ungehorsams gegenüber den päpstlichen Wünschen leidet George W. Bush und das amerikanische Volk noch lange.
Diesen Ungehorsam kann die Kirche nicht so einfach vergessen. Da ist sie verdammt nachtragend. Da hilft es auch nichts, wenn drei protestantische US-Präsidenten (Vater Bush, Sohn Bush und Bill Clinton) im April 2005 kniend neben dem aufgebahrten Leichnam von Papst Johannes Paul II. beteten.
Zum Thema „Mafia in Italien“ kann ich ein paar Sätze schreiben, wobei ich große Zweifel habe, dass das ein Deutscher auf Anhieb versteht. Zu stark unterscheidet sich die deutsche Kultur von der italienischen.
Unter Mafia darfst du dir nicht irgendwelche schmierigen Jungs mit ausgebeulter Jackentasche vorstellen, obwohl es die in Italien selbstverständlich auch zu Hunderttausenden gibt. Die Mafia durchtränkt den ganzen Staat, sie erstreckt sich buchstäblich vom tiefsten gesellschaftlichen Sumpf bis zu den höchsten gesellschaftlichen Positionen.
In Italien gehört die Mafia zum allgemeinen Lebensgefühl, sie ist praktisch lebensnotwendig und gehört fast schon zur Staatsräson. Italien ohne die Mafia wäre dasselbe wie die katholische Kirche ohne die Muttergottes. Mit anderen Worten: Undenkbar!
Die Mafia kann man nicht zerschlagen, und es will sie auch niemand zerschlagen. Eben weil man sie braucht! Die unteren Ebenen (operative Mafia) dünnt man zwar regelmäßig aus, denn die Öffentlichkeit will ja hin und wieder auch mal einen Erfolg sehen, aber die politischen Realitäten im großen Stil und in enger Abstimmung mit den USA und anderen Global Playern gestalten tut nur die strategische Mafia.
Die operative Mafia ist wie überall auf der Welt sehr einfach gestrickt und verfolgt im Grunde nur zwei Ziele: finanzielle Bereicherung und Straffreiheit. Das sind die Jungs mit dem ganz simplen Weltbild, die man aber manchmal für gewisse Aktionen braucht, und demzufolge kommen sie auf den operativen Schlachtfeldern auch schon mal dort zum Einsatz, wo sich staatliche Stellen gerne heraushalten möchten. Geheimdienste garantieren dann den Schutz vor Enttarnung und versorgen die Jungs (abgestimmt auf die jeweilige operative Aufgabenstellung) gezielt mit geheimen Informationen. Teile der Justiz sind dann natürlich ebenfalls in dieses System eingebunden, um der operativen Mafia situativ Straffreiheit zu garantieren. Im Gegenzug legt die operative Mafia sogenannte „schwarze Fonds“ an. Diese Fonds werden dann z. B. für die persönliche Bereicherung der Geheimdienstfunktionäre benutzt oder für illegale Aktionen oder für die Finanzierung von Parteien und Politikern oder einfach nur für die Bestechung der Justiz.
Herzlichen Gruß,
R.
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, 23.01.2008, 18:31- Steckt der Vatikan hinter der Regierungskrise in Italien? - Rubenstein
, 23.01.2008, 19:03- Steckt der Vatikan hinter der Regierungskrise in Italien? - Nemesis
, 23.01.2008, 21:11 - Steckt der Vatikan hinter der Regierungskrise in Italien? - Optimist
, 23.01.2008, 21:58 - Steckt der Vatikan hinter der Regierungskrise in Italien? - Johannes
, 24.01.2008, 00:15- Steckt der Vatikan hinter der Regierungskrise in Italien? - Rubenstein
, 24.01.2008, 10:23
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